Nicht die Zeit vergeht - wir vergehen ...

Dieser Satz schwirrt mir seit einigen Tagen durch den Kopf - ich habe ihn aufgeschnappt, im Radio, im Netz - ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur: Er geht nicht mehr weg. Er windet sich durch meine Gedanken und verändert meinen Blickwinkel.
Wenn die Zeit verginge, würde ich mein Leben, meine Gefühle von Außen durch die vergehende Zeit hindurch sehen - wenn ich vergehe, mich verändere, entwickle, blühe, am Ende auch welk werde, dann verlasse ich den oft besserwissenden und besserwisserischen Beobachter und erlebe mein Sein. Ich fühle mich. Der Satz führt mich direkt in mein Gewahrsein. Der Blick auf die Uhr dagegen - der Blick auf die äußere Bestimmung - führt mich oft aus dem Erleben, führt mich aus dem Jetzt in das Nachher und Dann. 

Perspektivwechsel - tiefenpsychologisch: Überstigsfähigkeit - erweitert unsere Möglichkeiten. Wir können die Dinge außen und die Dinge innen anders verknüpfen und ihnen andere Bedeutungen zuweisen. Wir können so mancher alten Erfahrung und daraus resultierendem Mustern ein schnelles Schnippchen schlagen. Mich interessiert am Meisten der innere Perspektivwechsel von Beobachter zu Fühlenden. Das Ich wandert aus der Wahrnehmung der Fakten in das Erlebende Selbst: Wir sind verbunden. Begegnung der Seelen - für mich einer der zentralen Wirkfaktoren von Psychotherapie - kann nur zustande kommen, wenn beide mit sich selbst im Erleben sind. Vielleicht ist es sogar so, dass die Therapie in dem Moment ihrem Ende zugeht, wenn Klient und Therapeut beginnen sich ersthaft und nachhaltig zu begegnen. Jemandem begegnen zu können, heißt bei sich sein zu können. Bei sich sein zu können, heißt ausreichend mit dem eigenen Selbst befreundet und bekannt zu sein. Mit dem eigenen Selbst im Reinen zu sein, heißt nicht mehr an sich zu leiden.

Probieren Sie folgende Übung:
Machen Sie zwei, drei normale Kniebeuge. Machen Sie jetzt wieder einige Kniebeuge, stellen Sie sich diesmal dabei vor, dass Sie wenn Sie nach oben gehen nicht ihren Körper nach oben drücken, sondern die ganze große Erde unter Ihren Füßen diesen halben Meter nach unten drücken. Wenn Sie in die Knie gehen, ziehen Sie diese ganze schwere Erde einen halben Meter mit Ihren Füßen nach oben. Sie bleiben wo Sie sind. Nicht Sie bewegen sich rauf und runter, die Erde bewegt sich.

Viel Spaß
Fabian Lenné 

PS: Mir persönlich fällt das runterdrücken leichter als die Erde wieder hoch zu ziehen